Bis 2050 sollen die weltweiten CO₂-Emissionen auf rund 9 bis 10 Milliarden Tonnen sinken – etwa ein Viertel des heutigen Niveaus. Vor diesem Hintergrund rückt die Bioökonomie als Konzept für eine auf biologischen Ressourcen basierende Wirtschaft stärker in den Fokus. Die Europäische Kommission versteht darunter «nachhaltige Lösungen auf der Grundlage biologischer Ressourcen» und umfasst damit nicht nur einzelne Produkte, sondern ganze Wertschöpfungssysteme.
In der geplanten Chimia-Sonderausgabe wird der Begriff enger gefasst: Im Zentrum stehen primäre biobasierte Rohstoffe wie Holz und landwirtschaftliche Erzeugnisse, die fossile Kohlenstoffe in chemischen und materialbezogenen Anwendungen direkt ersetzen können. Bioprozesse zur Herstellung von Arzneistoffen, Vitaminen oder Aromen werden dabei als biobasiert verstanden, sind aber nicht der Fokus dieser Ausgabe.
Begrenzte Biomasse, taktische Chancen
Die Schweiz verfügt nur über begrenzte land- und forstwirtschaftliche Flächen. Die landwirtschaftliche Nutzfläche ist in den letzten Jahrzehnten deutlich zurückgegangen, gleichzeitig übersteigt der Holzverbrauch mit 11.2 Millionen Kubikmetern den heimischen Nachwuchs. Nachhaltig verfügbare Biomassequellen sind vor allem Holzbiomasse und Tierdung, reichen aber kaum für eine breit angelegte Bioökonomie.
Vor diesem Hintergrund erscheint eine nationale Bioökonomie-Strategie wenig realistisch. Stattdessen plädieren die Autorinnen und Autoren für einen «taktischen» Ansatz, der gezielt auf Nischen mit hoher Wertschöpfung setzt – etwa bei Spezialchemikalien, Duft- und Aromastoffen oder in der Nutzung von Abfallströmen aus Landwirtschaft und Lebensmittelindustrie.
Historische Beispiele und aktuelle Nischenakteure
Die Schweizer Chemie war historisch stark biobasiert, etwa mit Holzzucker- und Zelluloseproduktion in Attisholz oder bei Hovag (ab 1960 Emser Werke) in Ems. Diese grossen Standorte wurden jedoch aufgegeben oder umgenutzt, weil fossile Rohstoffe wirtschaftlich attraktiver wurden.
Heute entstehen biobasierte Geschäftsmodelle vor allem in spezialisierten Nischen. Genannt werden Unternehmen wie Ava Biochem mit 5-Hydroxymethylfurfural, Bloom Biorenewables mit Lignin- und Hemicellulose-Nutzung, Seprify mit zellulosebasierten Weisspigmenten, Weidmann Fiber Technology mit mikrofibrillierter Zellulose und Tanovis mit ligninbasierten Bindemitteln, Beschichtungen und Wirkstoffen. Solche Beispiele zeigen, dass biobasierte Innovationen insbesondere im Chemie‑, Pharma‑ und Life-Science-Umfeld Chancen bieten.
Bioökonomie-Sonderausgabe 2027: Beiträge gesucht
Für September 2027 ist eine Chimia-Sonderausgabe mit dem Arbeitstitel «Was könnte Bioökonomie für die Schweiz bedeuten?» geplant. Die Ausgabe soll wirtschaftliche, ökologische und gesellschaftliche Triebkräfte des Übergangs von fossilbasierten zu biobasierten Systemen beleuchten und Potenziale für den Schweizer Chemie- und Pharmastandort diskutieren.
Die SATW und das Redaktionsteam nehmen noch Beiträge von Mitwirkenden entgegen. Gesucht werden insbesondere Artikel zu komparativen Vorteilen der Schweiz, vielversprechenden Sektoren, möglichen Produktionsfeldern im Inland sowie zu strategischen Prioritäten und Entwicklungspfaden. Interessierte können sich an Hans-Peter Meyer (SATW) oder an Michael Studer (BFH) und Roland Wohlgemuth (SKB) wenden.