Das ZHAW-Institut für Chemie und Biotechnologie lud am 3. Juni 2026 im Rahmen des 17. Day of Life Sciences zum Symposium «Shaping the Future Bioeconomy: Innovations from Biomass» ein. Nach der Begrüssung durch Institutsleiter Christian Hinderling führte Tagungsleiter Hans-Joachim Nägele, Leiter der Fachgruppe Umweltbiotechnologie und Bioenergie, in das Tagungsthema Innovationen aus Biomasse für die Bioökonomie der Zukunft ein. Biomasse wurde dabei als vielseitige Energie- und Rohstoffquelle beschrieben, die neue Wertschöpfungsketten, zirkuläre Stoffströme und innovative Geschäftsmodelle ermöglicht.
Mikroorganismen und Enzyme als Schlüssel
Im ersten Block «The Hidden Session – Microbiology as an Instrument» stellte ZHAW-Forscher Claudio Kalbermatten seine Doktorarbeit zu anaeroben Pilzen vor, wie sie beispielsweise in Kuhmägen vorkommen. Im Fokus stehen Enzyme, die sich unter anderem für die Produktion von Biogas einsetzen lassen könnten. ZHAW-Forscherin Diana Schweizer widmete ihr Referat der wasserstoffbasierten In-situ-Methanisierung, bei der Methan direkt ins Gassystem gespiesen und so gespeichert oder unmittelbar genutzt werden kann. Andrea Baier sprach über die pflanzlichen Speicherproteine der Prolamine, die für die Ernährung uninteressant sind, aber technisch genutzt werden könnten, während Salomon Billeter von der FHNW Massnahmen vorstellte, damit weniger Plastik in Grünabfällen landet.
Kohlenstoff aus Biomasse nutzen und lagern
Im zweiten Block «The Carbon Session – Biomass C-Molecule Power» berichtete Thomas Pielhop, Leiter der ZHAW-Fachgruppe Biobasierte Rohstoffe und Bioraffinerieverfahren, über die Nutzung von Lignocellulose als nichtessbare Biomasse für die chemische Industrie. Ein Beispiel aus seiner Forschung ist die Produktion von Hyaluronsäure aus Cellulose. Roman Hüppi von Myclimate thematisierte die biobasierte Entfernung von Kohlenstoff für eine klimaneutrale Landwirtschaft. Ryan Graf von der Recoal AG verglich Ansätze zur dauerhaften Kohlenstoffspeicherung und stellte den Weg seines Unternehmens vor, bei dem Biomasse durch hydrothermale Karbonisierung in Hydrochar umgewandelt und eingelagert wird. ZHAW-Forscher Gabriel Gerner zeigte, wie kontaminierte Biomasse, die derzeit verbrannt wird, durch denselben Prozess zu einer wertvollen Ressource werden kann.
Wertschöpfung aus Nebenströmen
Im dritten Block «The Value Session – High-Value Biomass Pathways» standen Anwendungen mit hohem Mehrwert im Zentrum. Bernhard Drosg von BEST (Bioenergy and Sustainability Technologies) GmbH erläuterte Pilotprojekte, in denen aus Biomasse, etwa von einer Recycling-Firma für Altpapier, flüchtige Fettsäuren gewonnen werden. Lukas Hausherr aus der ZHAW-Fachgruppe Zellkulturtechnik sprach über Kakaopulver aus Bioreaktoren mit Kakaozellen, das eine Alternative zur traditionellen Herstellung darstellt. Andreas Lemmer von der Universität Hohenheim ging auf die Möglichkeit ein, die Biogasproduktion bei Bedarf zu erhöhen, um schwankende Stromproduktion aus erneuerbaren Energien wie Wind und Sonne auszugleichen. Den Abschluss bildete das Referat von ZHAW-Forscher Claudio Beretta zur Wertschöpfung aus Nebenprodukten der Lebensmittelindustrie, darunter Kakaoschalen, die entsprechend aufbereitet für Schokolade genutzt werden können.
Startups machen Biomasse zum Geschäft
Der vierte Block «The Future Session – Turning Biomass into Business» bot Startups eine Bühne für ihre Geschäftsmodelle rund um Biomasse. Slava Driglov von PeelPack präsentierte eine Verpackung aus Kartoffelschalen als gut verfügbarem und günstigem Rohstoff. Arthur Groh von Kuori - vom finnischen Wort für «Schale» - stellte biobasierte und bioabbaubare Elastomere vor, die bei hoher Abriebbelastung eingesetzt werden, etwa in Schuhsohlen. Ursprünglich hat das Unternehmen seine Rohstoffe dafür aus Bananenschalen gewonnen. Mirko Kleingries von der Arrhenius AG zeigte Pilotversuche, in denen Mikroalgen zunächst Abwasser reinigen und die entstandene Biomasse anschliessend eingelagert wird, um Kohlenstoff der Atmosphäre zu entziehen. Pedro Álvarez von der Metafuels AG skizzierte, wie Metatreibstoffe zur Dekarbonisierung des Luftverkehrs beitragen können, bevor Jonas Staub von der Mycrobez AG über Mycelium-Materialien berichtete, bei denen aus Pilzmyzel und Nebenströmen der Lebensmittelproduktion ein bioabbaubarer Naturschaumstoff entsteht, der beispielsweise im Bau eingesetzt werden kann.
Biomasse als Kern der künftigen Bioökonomie
Die am Day of Life Sciences vorgestellten Forschungsprojekte und praktischen Lösungen verdeutlichten, dass Biomasse weit mehr ist als nur eine Energiequelle. Sie eignet sich als Alternative zu fossilen Rohstoffen für bewährte und neue Produkte und bietet einen Ansatz, CO2 aus der Atmosphäre zu entziehen. Die ZHAW betreibt in diesen Bereichen angewandte Forschung mit Industriepartnern und lässt die Erkenntnisse in ihre Studiengänge einfliessen, damit Studierende die künftige Bioökonomie erfolgreich gestalten können.
Der nächste Day of Life Sciences findet voraussichtlich im Februar 2027 statt. Weitere Infiormationen werden laufend auf der Webseite des Veranstalters veröffentlicht.