Chenchao Liu ist Gründer und Geschäftsführer der Beratungsfirma Silreal GmbH. Er begleitet seit über einem Jahrzehnt deutsche und europäische Pharma-, Biotech- und Medtech-Unternehmen beim Marktzugang in China, Europa und den USA. Zudem berät er politische Entscheidungsträger zu China-Fragen im Gesundheitssektor, führt strukturierte Gespräche und fachliche Dialoge mit chinesischen Behörden – und hat damit bereits konkrete Anpassungen in der chinesischen Gesundheitspolitik mit angestossen. In diesem Heft spricht er darüber, warum China für europäische Chemie-, Pharma- und Life-Sciences-Unternehmen weder Selbstläufer noch Tabuzone ist und weshalb nur jene erfolgreich sein werden, die den Markt nüchtern analysieren, lokale Dynamiken verstehen und Risiken sauber begrenzen.
Herr Liu, viele europäische Entscheider sehen China immer noch vor allem als Produktionsstandort. Was ist aus Ihrer Sicht das grösste Missverständnis?
Das grösste Missverständnis ist tatsächlich, dass China vor allem als kostengünstige Werkbank wahrgenommen wird. Das war vor 10 bis 15 Jahren weitgehend richtig, heute ist es falsch. China ist inzwischen ein vollwertiges Innovationssystem:
Grundlagenforschung, klinische Studien, Erstattung, Versorgung – das spielt alles zusammen. In Bereichen wie Onkologie, Zell- und Gentherapie oder Diagnostik entstehen ernstzunehmende Innovationen. Viele Pharmaunternehmen gehen längst nicht mehr nur wegen der Produktionskosten nach China, sondern wegen Forschung, klinischer Entwicklung und Marktzugang.
Was hat sich im chinesischen Pharma- und Biotech-Ökosystem in den letzten Jahren am stärksten verändert – und was ist erstaunlich konstant geblieben?
Am stärksten verändert haben sich Geschwindigkeit und Qualität. Als ich vor etwa zehn Jahren angefangen habe, westliche Unternehmen nach China zu begleiten, konnten Zulassungen fünf bis acht Jahre länger dauern als in Europa. Das war normal – und ein enormer Wettbewerbsnachteil. Seit der grossen Arzneimittelreform 2017 hat sich das drastisch geändert. Die chinesische Zulassungsbehörde arbeitet in ausgewählten priorisierten Verfahren heute teilweise schneller als die European Medicines Agency (EMA), und China bringt eigene Moleküle auf den Markt, nicht nur Generika.
Konstant geblieben ist zum einen der hohe Steuerungsanspruch des Staates. Gesundheit ist in China nie nur ein privatwirtschaftliches Thema, sondern dient immer auch Versorgungssicherheit, Kostendämpfung und industrieller Eigenständigkeit – «Made in China for China and the world» ist nicht nur ein Slogan. Zum anderen sind Beziehungen konstant wichtig. Sie können das beste Produkt der Welt haben, ohne belastbare persönliche Beziehungen zu Behörden, Kliniken, Einkäufern und Partnern dringen Sie nicht durch. Dieses Netzwerk-Element ist in China stärker ausgeprägt als in Europa.
Heisst das, ein klassisches Exportmodell nach dem Motto «Wir verkaufen von Europa nach China» funktioniert nicht mehr?
Es funktioniert immer weniger. Viele Unternehmen glauben, sie könnten China mit einem klassischen Exportmodell bearbeiten: Man hat ein Produkt, registriert es in China und verkauft dann. Marktzugang bedeutet heute aber viel mehr: Zulassung, Erstattung, Krankenhausbudgets, lokale Evidenz, lokale Daten, lokale klinische Studien – und häufig die Erwartung, dass ein relevanter Teil der Wertschöpfung in China stattfindet. Öffentliche Auftraggeber sagen offen: Wir bevorzugen lokal erzeugte Produkte.
China ist deshalb nicht mehr nur Absatzmarkt, sondern Operationsraum. Wer erfolgreich sein will, braucht eine saubere China-Architektur– mit eigener Datenstrategie, passenden Partnern vor Ort und klar abgegrenzten Bereichen, die bewusst nicht exponiert werden.
China hatte lange den Ruf, geistiges Eigentum wenig zu respektieren und Innovation eher zu kopieren. Wie berechtigt ist dieses Bild heute noch?
Historisch war diese Sorge durchaus berechtigt. Es gab reale Schwachstellen: intransparente Verfahren, niedrige Schadensersatzsummen, eine wahrgenommene Bevorzugung lokaler Akteure – das war für ausländische Unternehmen schwierig und hat viel Vertrauen zerstört. Dieses alte Bild erklärt, warum bis heute manche reflexartig sagen: «In China wird unsere IP sowieso gestohlen.»
Aber es ist genauso falsch, so zu tun, als ob China immer noch nur kopiert. In den letzten Jahren hat sich enorm viel getan. Es gibt spezialisierte IP-Gerichte, die Schadensersatzsummen sind deutlich gestiegen, und auch strafrechtliche Verfolgung bei IP-Verstössen wurde verschärft. Vor allem aber: Chinesische Biotech-Unternehmen investieren selbst massiv in Forschung, melden Patente an und wollen ihre eigenen Innovationen schützen. Wer selbst viel IP erzeugt, hat ein Eigeninteresse an funktionierenden Schutzmechanismen. Das sieht man inzwischen klar.
Welche konkreten IP-Risiken sehen Sie für europäische Firmen in China trotzdem noch?
Ich sehe vor allem drei Risiken. Erstens unkontrollierten Technologietransfer an Partner – also dass in Kooperationen mehr Know-how abfliesst, als eigentlich geplant war. Zweitens den Verlust von Geschäftsgeheimnissen im operativen Alltag, etwa in Joint Ventures oder bei zu weitreichenden Zugriffsrechten. Und drittens unklare Rechte an gemeinsam entwickelten Daten und Ergebnissen: Wem gehören die Daten? Wem gehören Verbesserungen? Wer darf was wofür nutzen? Wenn das nicht sauber geregelt ist, gibt es später böse Überraschungen.
Dazu kommen politische und regulatorische Risiken: starker Preisdruck durch nationale Erstattungslisten und volumenbasierte Beschaffung, Lokalisierungsanforderungen und ein Datenregime, das sich nicht eins zu eins mit der Datenschutz Grundverordnungs-Logik übersetzen lässt. Allerdings differenziert China seit 2026 deutlicher: Neben dem staatlichen Erstattungskatalog NRDL, dessen Aufnahme häufig erhebliche Preiszugeständnisse voraussetzt, besteht nun ein eigener Katalog für innovative Arzneimittel in der kommerziellen Krankenversicherung. Er eröffnet einen zusätzlichen Finanzierungs- und Zugangsweg, bietet aber keinen automatischen Preisschutz. Das alles ist navigierbar – wenn man die Signale früh liest und nicht auf langwierige Planungszyklen setzt.
Welche Schutzinstrumente funktionieren aus Ihrer Erfahrung tatsächlich in der Praxis?
Vertrag allein schützt nicht, Governance schützt. Konkret heisst das: Erstens eine sehr enge «Scope Control» – also nur das offenlegen, was für die konkrete Kooperation zwingend notwendig ist. Viele Unternehmen geben in der Euphorie zu früh zu viel preis. Zweitens China-spezifische Verträge mit klaren Zuständigkeiten, Audit-Rechten, Eskalationsmechanismen und einer Schiedsklausel in Hongkong oder Singapur. Diese Jurisdiktionen sind aus europäischer Sicht neutral und können in der Praxis deutlich belastbarer sein – die Durchsetzbarkeit muss aber fallbezogen geprüft werden.
Drittens technische Segmentierung: Kritische Algorithmen, Masterdaten, zentrale Prozesse oder proprietäre Zelllinien würde ich nicht komplett in China replizieren, wenn das Geschäftsmodell nicht zwingend davon abhängt. Man kann durchaus Teile in China haben, aber nicht alles. Die Frage «Wer sieht welche Daten, wer hat welche Zugriffe, wer darf was verändern?» muss vor dem Start geklärt sein – nicht erst, wenn der Konflikt da ist.
Wie sollte aus Ihrer Sicht eine sinnvolle Datenstrategie für China aussehen? Gibt es eine Art Faustregel?
Ja, die Grundregel ist relativ einfach: Daten in China generieren und speichern, wenn sie für lokale Evidenz, Registrierung, Versorgung oder lokalen Betrieb zwingend nötig sind. Globale Kerndaten, nicht anonymisierte sensible Patientendaten, proprietäre Algorithmen oder zentrale Biomarkerlogiken sollten nur mit klarer Rechtsgrundlage, technischer Kontrolle und einer sauberen Transferprüfung bewegt werden.
In der Praxis bedeutet das getrennte IT-Infrastrukturen für China-Operationen, keine gemeinsam genutzten Cloud-Umgebungen ohne Datenklassifizierung und idealerweise einen dedizierten Data-Governance-Verantwortlichen, der sowohl das chinesische als auch das europäische Regime versteht. Wer das ignoriert, riskiert nicht nur Bussgelder, sondern im schlimmsten Fall den Entzug von Lizenzen und damit die gesamte Operation.
Wie stark prägen die unterschiedlichen gesundheitspolitischen Agenden in EU, China und USA heute die Marktzugangsstrategien?
Extrem stark. Wir haben es im Grunde mit drei Blöcken zu tun, die sich gegenseitig beeinflussen. Die EU bewegt sich in Richtung gemeinsamer Evidenzbewertung und Health-Technology-Assessment- Harmonisierung. Das zwingt Unternehmen dazu, Evidenz früh europäisch zu denken. China fokussiert auf Kostenkontrolle, Versorgungssicherheit und industrielle Lokalisierung – also «Made in China» plus massive Investitionen in Biotech, klinische Forschung und Innovation.
Die USA prägen Entscheidungen zunehmend über Geopolitik: Exportkontrollen, Sanktionsdebatten, Debatten über Datenflüsse. Der Biosecure Act, der im Dezember 2025 als Teil des US-Verteidigungshaushalts (NDAA) in Kraft trat, ist dafür das deutlichste Beispiel: Er verbietet US-Bundesbehörden und ihren Auftragnehmern, mit bestimmten als «biotechnology companies of concern» eingestuften Anbietern zu arbeiten. Die geltende Fassung nennt keine Firmen mehr namentlich, sondern verweist auf eine vom US-Verteidigungsministerium geführte Liste – die faktische Stossrichtung gegen China bleibt aber klar. Das bedeutet: Ein China-Engagement kann direkte Auswirkungen auf das US-Risiko, auf europäische Erstattung und auf globale Lieferketten haben. Unternehmen brauchen daher einen simultanen Blick auf EU, China und USA – getrennt Länderstrategien reichen nicht mehr.
Wenn ein europäischer Vorstand die Länderportfolios neu ausbalanciert: Welche Rolle sollte China im Zusammenspiel mit EU und USA realistisch spielen? Ergänzung, zweiter Hauptpfeiler oder gleichwertige dritte Säule?
Von der Bedeutsamkeit her ist China sehr klar eine dritte Säule – neben EU und USA. Und zwar nicht nur als Absatzmarkt, sondern auch für Innovation und Supply Chain. Viele globale Lieferketten für Wirkstoffe, Vorprodukte und medizintechnische Komponenten laufen heute durch China. Gleichzeitig ist China ein wichtiger klinischer und kommerzieller Markt und zunehmend Lizenzgeber.
Aber: Das heisst nicht, dass jedes Unternehmen China automatisch zur dritten Säule machen muss. Die richtige Antwort ist von Firma zu Firma unterschiedlich. Ich sage meinen Kunden regelmässig auch: «Tun Sie es nicht, lassen Sie es sein», wenn die Regionenanalyse ergibt, dass ein Engagement keinen Sinn macht. Eine klare Absage kann eine ebenso gute Entscheidung sein wie ein Einstieg – solange sie auf Fakten basiert und nicht auf Schlagzeilen.
Angenommen, ein mittelgrosses europäisches Unternehmen denkt zum ersten Mal ernsthaft über China nach. Welche drei Fragen stellen Sie als Erstes?
Die erste Frage ist: Warum China – und warum jetzt? Wenn die Antwort lautet «Alle machen gerade was in China» oder «Unser CEO hat auf einer Konferenz etwas gehört», dann räume ich auf. Ohne klaren strategischen oder kommerziellen Grund ist China kein Zielmarkt, sondern ein Prestigeprojekt.
Die zweite Frage ist: Welche Teile des Geschäfts dürfen auf keinen Fall exponiert werden? Also: Welche IP, welche Daten, welches Herstellungs- Know-how oder welche Preisreferenzen sind so sensibel, dass sie in China nichts verloren haben? Diese «No-Go-Zonen» müssen stehen, bevor die eigentliche China-Strategie beginnt.
Die dritte Frage lautet: Wer ist in unserem Die dritte Frage lautet: Wer ist in unserem konkreten Setting der reale Entscheidungsträger in China? Ist es die Zentralregierung, eine Provinz, eine Krankenhausgruppe, ein Industriepartner, ein Investor oder eine bestimmte Behörde? Wer das nicht beantworten kann, ist noch nicht strategiefähig. Ohne klares Bild von der Machtstruktur ist jede China-Strategie nur eine bunte Präsentation.
Wo sehen Sie die grössten Chancen für westliche Unternehmen, die in Europa oft unterschätzt werden?
Ich sehe drei besonders spannende Chancen. Erstens China als klinischen und kommerziellen Lehrmarkt: grosse Patientenzahlen, hohe Versorgungslücken und deutlich höhere Geschwindigkeit– gerade in Onkologie und seltenen Erkrankungen. Wer das gut nutzt, kann signifikante Zeitvorteile erzielen.
Zweitens China als Lizenz- und Asset-Quelle. Viele europäische Firmen schauen noch immer primär in die USA, wenn es um Lizenzen und Plattformen geht. Gleichzeitig kommen inzwischen differenzierte Moleküle, Plattformen und Diagnostikansätze aus China, die sehr wohl global relevant sind. Die Zahlen sind eindeutig: 2025 erreichte der angekündigte potenzielle Gesamtwert der Auslizenzierungen aus dem Grossraum China rund 137,7 Milliarden US-Dollar – fast zehnmal so viel wie 2021. Dieser Gesamtwert umfasst neben Upfront-Zahlungen auch mögliche Meilensteinzahlungen und Lizenzgebühren. Nach Jefferies entfiel 2025 rund ein Drittel des globalen Lizenzdeal- Werts auf Wirkstoffe aus China. Selbst Astra Zeneca sicherte sich Anfang 2026 die Rechte ausserhalb Chinas an einem chinesischen Adipositas- Portfolio – ein Deal von bis zu 18,5 Milliarden USDollar. Wer diese Deals nicht auf dem Radar hat, verliert Zugang zu Innovation.
Drittens «Reverse Innovation»: Lösungen, die unter starkem Kosten- und Skalierungsdruck in China entstehen, können für Europa spannend werden – etwa im Kontext von Versorgungsmodellen, digital unterstützter Diagnostik oder medizintechnischen Lösungen.
Wo ist aus Ihrer Sicht besondere Vorsicht geboten?
Gefährlich wird es an den Extremen. Naiv «all in» zu gehen, ist genauso problematisch wie China pauschal abzuschreiben. Viele Unternehmen warten auf «Klarheit», bevor sie sich entscheiden – aber Klarheit wird es in den nächsten zehn Jahren nicht geben. Geopolitische und regulatorische Unsicherheit sind die neue Normalität. Wer auf Klarheit wartet, wartet auf seine Wettbewerber.
Vorsicht heisst für mich: selektiv und kontrolliert vorgehen. Klare Partnerwahl, klare IP-Grenzen, eine saubere Datenarchitektur, definierte No-Go-Kriterien und regelmässige Neubewertung. China ist kein Markt für romantische Expansionspläne, aber auch kein Markt, den man reflexhaft meiden sollte. Die Gewinner werden diejenigen sein, die weder ideologisch noch blauäugig handeln.
Was möchten Sie Entscheidern, Dienstleistern und Zulieferern zum Schluss mitgeben?
China ist weder Selbstläufer noch Tabuzone. Wer den Markt nüchtern analysiert, lokale Dynamiken versteht und Risiken sauber begrenzt, kann dort nicht nur Absatzchancen finden, sondern auch Zugang zu Innovation, klinischer Geschwindigkeit und neuen Partnerschaften. Wer hingegen aus Angst oder Ideologie handelt – in die eine oder andere Richtung – wird entweder Chancen verschenken oder unnötige Risiken eingehen.
Für Entscheider heisst das: China nicht moralisch, sondern strategisch bewerten. Für Dienstleister: Kunden nicht mit allgemeinen China-Erzählungen bedienen, sondern mit konkreter Übersetzungsarbeit zwischen Regulierung, Datenregimen, Governance und Partnerlandschaft. Und für Zulieferer: die eigenen Stärken und Grenzen präzise kennen – dann bleibt man auch in einem anspruchsvollen Umfeld beweglich.
Literatur
[1] Kane Wu und Andrew Silver, «China biotech licensing boom to hit record in 2026 as pipeline swells», Reuters, 13. Februar 2026.
[2] Ben Fidler, «Drugs from China are reshaping biotech. Track the licensing deals here», BioPharma Dive, 25. August 2025, aktualisiert am 14. Juli 2026.