Ein Forschungsteam um Gabriel Berdugo-Vega und Johannes Gräff an der EPFL in Lausanne hat untersucht, ob sich bereits eingetretener Gedächtnisverlust umkehren lässt. Im Zentrum standen sogenannte Engramm-Zellen – spezialisierte Nervenzellgruppen, in denen Erinnerungen in bestimmten Hirnregionen gespeichert werden. Altersprozesse schränken die Funktion dieser Zellen ein und tragen so zu kognitivem Abbau bei.
Teilweise Reprogrammierung mit OSK-Faktoren
Aus der regenerativen Medizin ist bekannt, dass sich Alterungsprozesse in verschiedenen Geweben durch Aktivierung bestimmter Gene partiell rückgängig machen lassen. Dazu gehören die Reprogrammierungsfaktoren Oct4, Sox2 und Klf4 (OSK), mit denen sich etwa Pankreas-, Leber- oder Muskelzellen verjüngen und Funktionen verbessern liessen. Die EPFL-Forschenden übertrugen dieses Konzept nun auf Nervenzellen und prüften, ob eine gezielte, zeitlich begrenzte Aktivierung von OSK in Engramm-Zellen Lern- und Gedächtnisleistungen wiederherstellen kann.
Versuchsaufbau mit alten und Alzheimer-Mäusen
Für die Gentherapie nutzte das Team adenoassoziierte Viren als Vektoren, die OSK-Gene in ausgewählte Hirnregionen von Mäusen einbrachten. Die Injektionen erfolgten lokal in Areale, die kurz- beziehungsweise mittelfristige Gedächtnisleistungen steuern. Zusätzlich wurden die OSK-Gene mit einem chemischen Schalter versehen, sodass sie nur für eine definierte Zeit während des Lernprozesses aktiv waren. Getestet wurde sowohl an alten Mäusen als auch an genetisch veränderten Tieren mit Alzheimer-ähnlichen Symptomen.
Lern- und Erinnerungsvermögen auf Niveau junger Tiere
Die Forschenden prüften das Erinnerungsvermögen zwei Tage (kurzfristig) und 14 Tage (mittelfristig) nach dem Lernen. In beiden Modellen – Alterung und Alzheimer – brachte die Gentherapie die kognitive Leistungsfähigkeit auf das Niveau junger, gesunder Mäuse zurück. Das galt sowohl für einfache Erinnerungsaufgaben als auch für komplexe Lern- und Orientierungsleistungen im Wasserlabyrinth. Die Ergebnisse sprechen dafür, dass die funktionelle Beeinträchtigung von Engramm-Zellen durch partielle Reprogrammierung zumindest vorübergehend kompensiert werden kann.
Offene Fragen und Bedeutung für künftige Therapien
Noch ist unklar, wie lange der Verjüngungseffekt in den Nervenzellen anhält, ob alle Formen von Gedächtnis und Lernen gleichermassen profitieren und ob sich der Ansatz sicher auf den Menschen übertragen lässt. Die Studie zeigt jedoch, dass Alter und neurodegenerative Erkrankungen nicht zwangsläufig zu irreversiblen Gedächtnisverlusten führen müssen, sondern zu prinzipiell reversiblen Einschränkungen. Diese Erkenntnis schafft eine Grundlage für die Entwicklung innovativer Therapieansätze gegen Demenz und altersbedingte kognitive Störungen.
Literatur
- Gabriel Berdugo-Vega et al. 2026, Cognitive rejuvenation through partial reprogramming of engram cells, Neuron (online 10.02.2026, doi:10.1016/j.neuron.2025.11.028);
- Rejuvenating neurons restores learning and memory in mice, EPFL News, 11.02.2026;
- Schweizer Forscher zeigen: Gen-Therapie kehrt Gedächtnisverlust bei Mäusen um, Blick.ch, 11.02.2026.