Pharmaunternehmen stehen zunehmend vor der Herausforderung, Treibhausgasemissionen entlang ihrer Wertschöpfungsketten zu reduzieren, Materialien effizienter einzusetzen und ihre Lieferketten widerstandsfähiger gegenüber Störungen zu gestalten. Gleichzeitig müssen sie hohe Anforderungen an Produktschutz, Patientensicherheit und regulatorische Compliance erfüllen. Verpackungen spielen dabei eine wichtige Rolle, denn sie beeinflussen auch Scope-3-Emissionen, Logistikeffizienz und Versorgungssicherheit.
Frischfaserbasierte Sekundärverpackungen können hierzu einen Beitrag leisten – insbesondere durch ihr geringes Gewicht, ihre Kompatibilität mit etablierten Recyclingstrukturen und Materialeigenschaften, die eine robuste Beschaffung unterstützen.
Scope-3-Emissionen: Warum belastbare CO₂-Daten entscheidend sind
Verpackungsmaterialien werden in der Regel den Scope-3-Treibhausgasemissionen zugerechnet. Um Emissionsminderungen glaubwürdig nachzuweisen, sind quantifizierbare und vergleichbare Daten zum CO₂-Fussabdruck erforderlich. Entscheidend sind dabei transparente Annahmen, klar definierte Systemgrenzen sowie Faktoren wie das Verpackungsgewicht und der Energiemix bei der Materialherstellung.
Die Ökobilanzierung (Life Cycle Assessment, LCA) bietet hierfür eine international anerkannte und ISO-konforme Methodik. Sie ermöglicht es, den CO₂-Fussabdruck verschiedener Verpackungslösungen systematisch zu berechnen und zu vergleichen.
Praxisbeispiele aus der Verpackungsindustrie zeigen, dass sich diese Potenziale quantifizieren lassen. So hat Metsä Board mehrere vergleichende Ökobilanzen für Kartonverpackungen im Healthcare-Bereich durchgeführt, die vom schwedischen Umweltforschungsinstitut IVL verifiziert wurden. In einer Untersuchung wiesen Frischfaserkarton-Alternativen einen um mehr als 60 Prozent geringeren CO₂-Fussabdruck auf als ein Referenzkarton aus Recyclingfasern, der einen typischen europäischen Marktstandard repräsentierte. Gleichzeitig waren die Frischfaserkartons 33 bis 35 Prozent leichter und erreichten eine vergleichbare funktionale Leistung. Die Analyse umfasste den Lebenszyklus von der Rohstoffgewinnung bis einschliesslich der End-of-Life-Phase.
Solche Ergebnisse belegen nicht, dass ein Material grundsätzlich allen anderen überlegen ist. Sie zeigen jedoch, dass eine durchdachte Leichtbaulösung aus Karton, hergestellt mit einem hohen Anteil fossilfreier Energie und bewertet mittels LCA, die verpackungsbedingten Emissionen deutlich reduzieren kann, ohne die Leistungsanforderungen zu beeinträchtigen.
Materialeffizienz: Lightweighting als Entwicklungsaufgabe
Die Reduzierung des Materialeinsatzes zählt zu den wirksamsten Hebeln, um den CO₂- Fussabdruck von Sekundärverpackungen zu senken. Ziel ist es, Grammatur und Materialverbrauch zu reduzieren, ohne Kompromisse bei Produktschutz, Bedruckbarkeit oder Prozesssicherheit einzugehen.
Im Faltschachtelbereich ist Lightweighting vor allem eine Konstruktions- und Entwicklungsaufgabe. Dazu gehören die optimale Dimensionierung der Verpackung, die strukturelle Auslegung hinsichtlich Steifigkeit und Schutzfunktion sowie umfangreiche Qualifizierungstests. Erfolgreich umgesetzt, lassen sich sowohl der Faserverbrauch als auch der Energiebedarf in der Materialherstellung reduzieren.
Darüber hinaus kann ein geringeres Verpackungsgewicht die Transporteffizienz verbessern und transportbedingte Emissionen senken. Voraussetzung ist jedoch eine sorgfältige Validierung, da Verpackungsschäden oder Störungen auf Verpackungslinien mögliche Vorteile wieder aufheben können.
Kreislaufwirtschaft: Recycling in der Praxis mitdenken
Kreislauffähigkeit beginnt nicht erst beim Recycling. Verpackungen müssen so gestaltet werden, dass sie in bestehenden Sammel-, Sortier- und Verwertungssystemen tatsächlich effizient verarbeitet werden können.
Für faserbasierte Verpackungen bedeutet dies unter anderem, unnötige Materialkombinationen zu vermeiden, recyclingkritische Komponenten zu reduzieren und die Materialstruktur möglichst einfach zu halten. Je besser Verpackungen an bestehende Recyclingstrukturen angepasst sind, desto grösser ist ihr Beitrag zur Kreislaufwirtschaft.
Resiliente Lieferketten durch Standardisierung und regulatorische Vorbereitung
Lieferkettenresilienz hat sich insbesondere in der Pharmaindustrie zu einem strategischen Faktor entwickelt. Schwankende Rohstoffverfügbarkeiten, geopolitische Unsicherheiten sowie steigende regulatorische Anforderungen können sich direkt auf die Verfügbarkeit qualifizierter Verpackungskomponenten auswirken.
Verpackungsspezifikationen, die materialeffizient gestaltet sind und mit lokalen Recyclingstrukturen kompatibel bleiben, können Risiken bei Lieferantenwechseln oder Anpassungen zur Emissionsreduktion minimieren. Gleichzeitig gewinnen frühzeitige Designoptimierungen an Bedeutung, da regulatorische Entwicklungen verstärkt auf Recyclingfähigkeit, Ressourceneffizienz und die Vermeidung unnötiger Verpackungen abzielen.
Digitale Entwicklungs- und Simulationstools unterstützen dabei, Verpackungen gezielt zu optimieren und Überdimensionierungen zu vermeiden. Zugleich können sie dazu beitragen, den Aufwand für Qualifizierungs- und Änderungsprozesse zu reduzieren. Ergänzt durch verifizierte CO₂-Vergleiche entsteht eine fundierte Entscheidungsgrundlage für Einkauf, Verpackungsentwicklung, Qualitätssicherung und Nachhaltigkeitsmanagement
Handlungsempfehlungen für die Praxis
Für Pharmaunternehmen empfiehlt sich ein strukturierter Ansatz:
- Funktionale und regulatorische Anforderungen klar definieren – einschliesslich Produktschutz, Patientensicherheit, Rückverfolgbarkeit, regulatorischer Compliance und Linienperformance.
- Verifizierte CO₂-Bilanzen nutzen, um Entscheidungen auf belastbare Daten zu stützen.
- Materialeffizienz durch Right-Sizing, Vereinfachung und Lightweighting konsequent berücksichtigen.
- Verpackungen für reale Recyclingprozesse entwickeln und problematische Materialkombinationen vermeiden.
- Frühzeitig mit Lieferanten zusammenarbeiten, um Qualifizierung und Implementierung effizient zu gestalten.
Fazit
Frischfaserbasierte Verpackungen können Pharmaunternehmen dabei unterstützen, verpackungsbedingte Treibhausgasemissionen zu reduzieren, Material effizienter einzusetzen und die Robustheit ihrer Lieferketten zu erhöhen. Entscheidend sind dabei belastbare Daten, transparente Bewertungsmethoden und eine konsequente technische Optimierung. Werden diese Faktoren berücksichtigt, lassen sich Nachhaltigkeitsziele erreichen, ohne Abstriche bei Produktschutz, Qualität oder Prozesssicherheit machen zu müssen.