Michael Jentschel, Carlo Paolo Sasso, Enrico Massa and Hartmut Lemmel (v.l.n.r.)

Eine Quantenwelle in zwei Kristallen

Publiziert

Durchbruch in der Neutronenphysik

Die Geschichte der Neutroneninterferometrie begann 1974 in Wien. Helmut Rauch, langjähriger Professor am Atominstitut der TU Wien, stellte aus einem Silizium-Kristall das erste Neutronen-Interferometer her und konnte am Wiener TRIGA-Reaktor die ersten Interferenzen mit Neutronen beobachten. Wenige Jahre später konnte die TU Wien an der weltstärksten Neutronenquelle, dem Institut Laue-Langevin (ILL) in Grenoble, die permanente Interferometriestation S18 einrichten, die bis heute besteht.

„Das Prinzip des Interferometers ähnelt dem berühmten Doppelspaltexperiment, bei dem ein Teilchen wellenartig auf einen Doppelspalt geschossen wird, als Welle beide Spalte gleichzeitig durchdringt und sich dann mit sich selbst überlagert, sodass danach am Detektor ein charakteristisches Wellenmuster entsteht“, erklärt Hartmut Lemmel vom Atominstitut der TU Wien.

Doch während beim Doppelspaltexperiment die beiden Spalte nur einen minimalen Abstand voneinander entfernt sind, teilt man die Teilchen im Neutroneninterferometer in zwei verschiedene Pfade auf, zwischen denen mehrere Zentimeter liegen. Die Teilchenwelle erreicht eine makroskopische Grösse – trotzdem entsteht durch Überlagerung der beiden Pfade ein Wellenmuster, das eindeutig beweist: Das Teilchen hat sich nicht für einen der beiden Pfade entschieden, es hat beide Pfade gleichzeitig benutzt.

Jede Störung zerstört das Ergebnis

Doch solche Quanten-Überlagerungen sind äusserst fragil. „Winzige Ungenauigkeiten, Vibrationen, Verschiebungen oder Rotationen zerstören den Effekt“, sagt Hartmut Lemmel vom Atominstitut der TU Wien. „Daher fräst man normalerweise das gesamte Interferometer aus einem einzigen Kristall heraus.“ In einem Kristall sind alle Atome miteinander verbunden und haben eine feste räumliche Beziehung zueinander – so kann man den Einfluss der äusseren Störungeen auf die Neutronenwelle minimieren.

Das schränkt aber die Möglichkeiten der Neutroneninterferometrie stark ein, denn Kristalle kann man nicht in beliebiger Grösse herstellen. „Schon in den 1990erjahren versuchte man daher, Neutroneninterferometer aus zwei Kristallen herzustellen, die dann in grösserem Abstand voneinander positioniert werden können“, sagt Lemmel. „Doch das glückte nicht. Die Schwierigkeit daran ist, dass man die beiden Kristalle ganz exakt gegeneinander ausrichten muss.“

Extreme Genauigkeit

Die Anforderungen an die Genauigkeit sind extrem: Schon eine Verschiebung des Kristalls um die Distanz eines Atomdurchmessers verschiebt die Phase der Interferenz um eine volle Periode. Und wenn einer der Kristalle um einen Winkel in der Grössenordnung von einem Hundertmillionstel Grad verdreht ist, verschwindet das Interferenzmuster ganz. Die nötige Winkelpräzision entspricht etwa der Präzision, mit der man ein von Wien nach Grenoble geschossenes Teilchen kontrollieren müsste, um dort in knapp 900 Kilometern Entfernung eine Stecknadel zu treffen – oder von der Erde aus einen Kanaldeckel auf dem Mond.

Das Istituto Nazionale di Ricerca Metrologica (INRIM) in Turin brachte die dafür nötige Erfahrung mit, die es auf dem Gebiet der Röntgeninterferometrie über Jahrzehnte hinweg gesammelt hatte. Auch Röntgeninterferometer bestehen aus Siliziumkristallen die ähnlich empfindlich sind. Die Empfindlichkeit gegenüber der räumlichen Verschiebung eines Kristalls wurde in Turin dafür genutzt, die Gitterkonstante von Silizium mit bisher unerreichter Genauigkeit zu bestimmen. Dadurch wurde es möglich, die Atome einer makroskopischen Siliziumkugel zu zählen, die Avogadro- und die Planck-Konstante zu bestimmen und das Kilogramm neu zu definieren.

„Was mit Röntgenstrahlen funktioniert, sollte doch auch mit Neutronen möglich sein“, sagt Enrico Massa vom INRIM, „auch wenn die Anforderungen mit Neutronen noch höher sind.“ Mit einem zusätzlich eingebauten Laser-Interferometer, Vibrationsdämpfung und Temperaturstabilisierung ist es der Kollaboration jetzt schliesslich gelungen, Neutroneninterferenz in einem System aus zwei voneinander getrennten Kristallen nachzuweisen.

Wichtige Grundlagenforschung

„Das ist für die Neutroneninterferometrie ein ganz entscheidender Durchbruch“ sagt Michael Jentschel vom ILL. „Denn wenn man zwei Kristalle so gut kontrollieren kann, dass Interferometrie möglich wird, dann kann man auch den Abstand zwischen diesen Kristallen erhöhen und somit recht einfach die Grösse des Gesamtsystems erweitern.“

Diese Gesamtgrösse bestimmt bei vielen Experimenten die Genauigkeit, die man bei der Messung erreichen kann. Man kann nun fundamentale Wechselwirkungen mit bisher unerreichter Genauigkeit untersuchen – etwa den Einfluss von Gravitation auf Neutronen im Quantenbereich oder die Existenz von hypothetischen neuen Naturkräften.

Literatur

  • H. Lemmel, M. Jentschel, H. Abele, F. Lafont, B. Guerard, C.P. Sasso, G. Mana, E. Massa – Neutron interference from a split-crystal interferometer, J. Appl. Cryst. 55, (2022).

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